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Bauernbewegung

A: ḥaraka falāḥīya. – E: peasants movement. – F: mouvement paysan. – R: krest'janskoe dviženie. – S: movimiento campesino. – C: nongmin yundong

Gerhard Hauck

HKWM 2, 1995, Spalten 76-80

Der Begriff der B spielt bei Marx und Engels keine Rolle. Auch der Sache nach erscheint die Bauernschaft bei ihnen nicht als Subjekt, als eigenständiger Akteur. Historisch bildet für Marx die »Expropriation des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden […] die Grundlage des ganzen Prozesses« der kapitalistischen Entwicklung (K I). Dieser Prozeß ist mit der sog. ursprünglichen Akkumulation keineswegs abgeschlossen: »Erst die große Industrie liefert mit den Maschinen die konstante Grundlage der kapitalistischen Agrikultur, expropriiert radikal die ungeheure Mehrzahl des Landvolks« (…). Die je noch in der Landwirtschaft Verbleibenden geraten durch Überschuldung immer mehr in »Sklaverei vom Kapital«, wie Marx im 18.B von den französischen Parzellenbauern schreibt (…). Dennoch sieht er auch in diesen Bauern keine aktive revolutionäre Kraft; sie geben ihm das Musterbeispiel ab für eine ›Klasse an sich‹, die nicht zu einer ›Klasse für sich‹ werden kann, denn »ihre Produktionsweise isoliert sie voneinander« (…). Marx leitet hieraus ihre Unfähigkeit ab, »ihr Klasseninteresse im eigenen Namen […] geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden.« (…) Illusionär geschieht dies durch die bonapartistische »Autorität über ihnen« (…). Für die wirkliche Durchsetzung ihrer Interessen finden die Bauern »ihren natürlichen Verbündeten und Führer im städtischen Proletariat, dessen Aufgabe der Umsturz der bürgerlichen Ordnung ist« (…).

Die Frage nach der »historischen Unvermeidlichkeit« des Schicksals der Bauernschaft im Kapitalismus bzw. nach der Möglichkeit andersartiger Entwicklungen außerhalb Westeuropas beantwortet Marx in seinem Brief an Vera Sassulitsch in bezug auf die russische Dorfgemeinde mit dem Bekenntnis, seine Studien hätten ihn »davon überzeugt, daß diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands ist« (…). Die Entwürfe zu dem Brief machen allerdings deutlich, daß sich diese Überzeugung letztlich auf das Wissen um die ökonomische Verflechtung Rußlands mit dem entwickelten Kapitalismus und auf die Hoffnung auf eine proletarische Revolution im Westen stützt. Die russische Dorfgemeinde ist nicht nur »Zeitgenossin der kapitalistischen Produktionsweise im Westen«; sie hat auch »die Periode überdauert […], in der sich das kapitalistische System noch intakt zeigte. Jetzt dagegen […] durchlebt es eine Krise, die mit der Beseitigung des Kapitalismus und der Rückkehr der modernen Gesellschaft zu einer höheren Form des ›archaischen‹ Typus des kollektiven Eigentums und der kollektiven Produktion enden wird« (…). Von einer eigenständigen B ist auch in den Briefentwürfen nicht die Rede. Für die russische Dorfgemeinde hängt »alles von dem historischen Milieu ab, in dem sie sich befindet« (…).

Agrarfrage, Agrarreform, Avantgarde, Bauern, Bonapartismus, chinesische Revolution, Dorfgemeinschaft, Drei-Welten-Theorie, Dritte Welt, Langer Marsch, Revolution, Revolutionstheorie, ursprüngliche Akkumulation

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