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Genuss

A: mut‛a. – E: enjoyment. – F: jouissance. – R: naslaždenie. – S: goce. – C: xiangle

Peter Jehle

HKWM 5, 2001, Spalten 311-322

G‹, mit bis zur Diskrepanz breitem Wortgebrauch und fließenden Grenzen zu ›Lust‹, ›Freude‹ oder ›Glück‹, fristet in gängigen Lexika ein kümmerliches Dasein, in dem die Perspektive einer produktiv-lustvollen Lebensführung auf sinnliche Aufnahmefähigkeit reduziert ist. Das dtv-Lexikon (1971) führt ›G‹ nur in Gestalt von »Genussmittel« und »Genussschein«, der einen »Anspruch auf Beteiligung am Reingewinn« begründet. Der »Genosse«, der sich aus einem Teilhaber an der Beute in Jäger- und Sammlergesellschaften (Grimm) zu einem Mitkämpfer für eine solidarische Gesellschaftsordnung entwickelt hat – um als solcher, eingepasst in die verstaatlichten Parteiapparate, sich bisweilen wieder in jenen Teilhaber verwandelt zu sehen –, scheint unwiderruflich auf den »nichtstuenden G des fremden Blutschweißes« (…) in Gestalt der Dividende von Aktienkapital reduziert. Als »Genussmittel« gelten »Nahrungsbestandteile, die wegen ihrer Annehmlichkeit ohne Rücksicht auf ihren Nährwert genossen werden (z.B. Kaffee, geistige Getränke, Gewürze)«. Die Definition bezeugt nicht nur die erstaunliche Aufnahmefähigkeit des »Geistigen«, das hier für «alkoholisch« steht, sondern auch eine Fixierung auf Luxus, sei es in der Charaktermaske des Rentiers, der nur an der Wertgestalt der Produkte interessiert und gleichgültig gegenüber dem Gebrauchswert ist, sei es in Bezug auf Ernährung, die als genussvolle vorzüglich in der Gestalt ehemaliger Luxuswaren auftritt. »G« hängt, auch nachdem aus diesen Luxuswaren längst Massenwaren geworden sind, an den mit stärkeren Reizen begabten Produkten, die zu den bevorzugten Trägern warenästhetischer Erzählungen von Liebe, Erfolg und Schönheit werden. Das Genussvolle erscheint vom Alltag der Ernährung abgespalten, monopolisiert von Produkten, an denen hängt, wer schon satt ist. Anders in Verhältnissen, in denen die Suche nach Nahrhaftem zum Problem wird: So ist es der Gedanke an frisch gebackenes Brot, der den Protagonisten in Heinrich Bölls Erzählung Das Brot der frühen Jahre (1955) stundenlang durch die Stadt irren lässt und ihn in einen Zustand versetzt, den er als »brotsüchtig« beschreibt. Freilich zeigt die Erzählung auch, dass trotz der völligen Unterschiedlichkeit der jeweils ersehnten Genussmittel – abhängig von den bestimmten Verhältnissen, in denen die Reproduktion des Lebens den einzelnen aufgegeben ist – die klassischen ›Genussmittel‹ wie Alkohol oder Tabak kaum jemals ihre Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Gerade in Situationen des Nahrungsmittelmangels können Zigaretten oder Schnaps in die Funktionsstelle des allgemeinen Äquivalents einrücken, das den Austausch der zwar lebensnotwendigen, gemessen am »G« aber geringer dotierten Waren vermittelt. Die Industrie, bemerkt Marx mit Blick auf die englischen Schnapsläden, spekuliere auf die »Verfeinerung der Bedürfnisse« ebenso wie auf deren Rohheit, »aber auf ihre künstlich hervorgebrachte Rohheit, deren wahrer G […] die Selbstbetäubung ist« (…).

Aneignung, Ästhetik, Bedürfnis, Befriedigung, Einfühlung, Emanzipation, Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, falsche Bedürfnisse, Flaneur, Freude, Gebrauchswert, Geist, Gemeinwesen, Genosse, Gleichgültigkeit, Glück, Habitus, Handlungsfähigkeit, Hedonismus, Konsumismus, Konsumtion, Kunst, Lebensführung, Liebe, Lust, Luxus, Persönlichkeit (allseits entwickelte), Rauschgift, Schlaraffenland, Schönheit, Selbstverwirklichung, Sinnlichkeit, Spiel, Sucht, Vernunft, Warenästhetik

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