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h:hegemonie [2015/05/17 18:14]
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-I. In der begrifflichen Ausarbeitung der »enorm produktiven Metapher der H« (Hall 2000), um die Bewegungsform politischer [[e:Einheit]]sstrategien zu bestimmen, gewinnt Antonio Gramsci seinen »alle anderen Themen perspektivierenden« (Haug 1996) Zugang zu einer marxistischen Politik- und <!--[-->[[m:Macht|Macht]]<!--]-->theorie jenseits ökonomistischer Reduktionismen. Im Zuge seiner H-Forschungen untersucht er antike, kirchlich-feudale, bürgerliche bis hin zu faschistischen [[h:Herrschaft]]s- und Machtgewinnungs- bzw. -ausübungsformen, sowohl »Hegemonialsysteme im Innern des Staates« als auch der »Gruppierungen von Staaten in Hegemonialsystemen« (//Gef//). Doch tut er das durchgängig im Blick auf sozial-emanzipatorische [[h:Handlungsfähigkeit]], also vom Standpunkt der subaltern Gehaltenen und damit einer Position relativer Schwäche. Für sozialistische oder kommunistische, allgemein linke Politik- und Parteitheorie ist diese Forschung von fundamentaler Bedeutung. Sie »substituiert die Idee der herrschenden Rolle durch diejenige des führenden Einflusses, die Idee der Zwangs- und Repressionsinstanz durch die der Expansionskraft, der ›pädagogischen Beziehung‹, und zielt auf Zustimmung, nicht auf liniengemäße Einreihung« (Sève 1980). Im [[a:Antagonismus]] der Klassen oder Klassenbündnisse, ja auch der internationalen Blockbildungen nicht nur im [[k:Kalter Krieg|Kalten Krieg]], umschreibt ›H‹ die Anziehungskraft einer auf Klassenbasis entwickelten politischen Formation, ihrer ›Philosophie‹ und ihres Projekts zunächst auf die [[i:Intellektuelle]]n der als Verbündete geeigneten Klassen oder Gruppen und womöglich selbst noch auf die der gegnerischen Formationen. Was H vom Standpunkt der [[e:Emanzipation]]sbewegung der subaltern gehaltenen Klassen bedeuten kann, hat Bertolt Brecht der Sache nach auf den Punkt gebracht: »Ebenso wie die Angehörigen unterdrückter Klassen den Ideen ihrer Unterdrücker verfallen können, so verfallen Angehörige der unterdrückenden Klassen den Ideen der Unterdrückten. Zu bestimmten Zeiten ringen die Klassen um die [[f:Führung]] der Menschheit, und die Begierde, zu deren Pionieren zu gehören und vorwärtszukommen, ist mächtig in den nicht völlig Verkommenen.« (…) Vor dem Begriff der H rangiert darum, wie Gramsci einschärft, der des »[[k:Kampf]]es zwischen zwei hegemonischen Prinzipien« (…), die freilich nicht in der Luft hängen, sondern eine funktionierende Antwort auf die objektiven Bedingungen und Probleme, die sie intersubjektiv vermitteln, artikulieren müssen. Bei stabiler Herrschaft können die Intellektuellen der sozialen Bewegungen deren ›ideologischen Zement‹ zermürben (›desartikulieren‹) mit dem (Fern-)Ziel einer Dyshegemonie der Herrschenden. Im Rahmen von [[g:Gegenmacht]]-Stützpunkten und [[g:Gegenöffentlichkeit]]en müssen sie bestrebt sein, eine Gegenhegemonie (sei sie auch von begrenzter Reichweite) zu entwickeln.+I. In der begrifflichen Ausarbeitung der »enorm produktiven <!--[-->[[m:Metapher|Metapher]]<!--]--> der H« (Hall 2000), um die Bewegungsform politischer [[e:Einheit]]sstrategien zu bestimmen, gewinnt Antonio Gramsci seinen »alle anderen Themen perspektivierenden« (Haug 1996) Zugang zu einer marxistischen Politik- und <!--[-->[[m:Macht|Macht]]<!--]-->theorie jenseits ökonomistischer Reduktionismen. Im Zuge seiner H-Forschungen untersucht er antike, kirchlich-feudale, bürgerliche bis hin zu faschistischen [[h:Herrschaft]]s- und Machtgewinnungs- bzw. -ausübungsformen, sowohl »Hegemonialsysteme im Innern des Staates« als auch der »Gruppierungen von Staaten in Hegemonialsystemen« (//Gef//). Doch tut er das durchgängig im Blick auf sozial-emanzipatorische [[h:Handlungsfähigkeit]], also vom Standpunkt der subaltern Gehaltenen und damit einer Position relativer Schwäche. Für sozialistische oder kommunistische, allgemein linke Politik- und Parteitheorie ist diese Forschung von fundamentaler Bedeutung. Sie »substituiert die Idee der herrschenden Rolle durch diejenige des führenden Einflusses, die Idee der Zwangs- und Repressionsinstanz durch die der Expansionskraft, der ›pädagogischen Beziehung‹, und zielt auf Zustimmung, nicht auf liniengemäße Einreihung« (Sève 1980). Im [[a:Antagonismus]] der Klassen oder Klassenbündnisse, ja auch der internationalen Blockbildungen nicht nur im [[k:Kalter Krieg|Kalten Krieg]], umschreibt ›H‹ die Anziehungskraft einer auf Klassenbasis entwickelten politischen Formation, ihrer ›Philosophie‹ und ihres Projekts zunächst auf die [[i:Intellektuelle]]n der als Verbündete geeigneten Klassen oder Gruppen und womöglich selbst noch auf die der gegnerischen Formationen. Was H vom Standpunkt der [[e:Emanzipation]]sbewegung der subaltern gehaltenen Klassen bedeuten kann, hat Bertolt Brecht der Sache nach auf den Punkt gebracht: »Ebenso wie die Angehörigen unterdrückter Klassen den Ideen ihrer Unterdrücker verfallen können, so verfallen Angehörige der unterdrückenden Klassen den Ideen der Unterdrückten. Zu bestimmten Zeiten ringen die Klassen um die [[f:Führung]] der <!--[-->[[m:Menschheit|Menschheit]]<!--]-->, und die Begierde, zu deren Pionieren zu gehören und vorwärtszukommen, ist mächtig in den nicht völlig Verkommenen.« (…) Vor dem Begriff der H rangiert darum, wie Gramsci einschärft, der des »[[k:Kampf]]es zwischen zwei hegemonischen Prinzipien« (…), die freilich nicht in der Luft hängen, sondern eine funktionierende Antwort auf die objektiven Bedingungen und Probleme, die sie intersubjektiv vermitteln, artikulieren müssen. Bei stabiler Herrschaft können die Intellektuellen der sozialen Bewegungen deren ›ideologischen Zement‹ zermürben (›desartikulieren‹) mit dem (Fern-)Ziel einer Dyshegemonie der Herrschenden. Im Rahmen von [[g:Gegenmacht]]-Stützpunkten und [[g:Gegenöffentlichkeit]]en müssen sie bestrebt sein, eine Gegenhegemonie (sei sie auch von begrenzter Reichweite) zu entwickeln.
  
 Seit den 1970er Jahren hat Gramscis H-Konzept eine enorme Wirkung entfaltet. Während er bis dahin außerhalb Italiens und allenfalls noch Frankreichs »fast unbekannt« war, konnte Günther Trautmann 1987 feststellen, dass Gramscis »Hegemonialtheorie fast jedem europäischen Intellektuellen geläufig« war, ja »sogar in die Sprachwelt führender Politiker« vordrang (…) und das Zeug hatte, »zum Ausgangspunkt für eine moderne politische Handlungstheorie« zu werden (…). Im geschichtlichen Moment der Selbstaufgabe der DDR versuchte Detlev Hensche, die Einsichten Gramscis in der Gewerkschaftsbewegung zur Geltung zu bringen: »Proletkult und Intellektuellenvorbehalte haben eine lange Tradition, auch bei uns. Dabei wissen wir spätestens seit Gramsci, dass nicht allein der starke Arm des Arbeiters, sondern ebenso die öffentliche Meinung, die kulturelle H über die eigene Durchsetzungskraft entscheiden.« (1990) Peter Glotz sah in den //[[g:Gefängnishefte|Gefängnisheften]]// »sechs oder sieben Denkfiguren, mit denen die Parteien der europäischen Linken heute noch arbeiten könnten, wenn sie nur wollten. Die wichtigsten dieser Denkfiguren kann man mit drei Begriffen charakterisieren: kulturelle H, [[g:geschichtlicher Block|historischer Block]], Volkstümlichkeit.« (1991) Die Einschreibung in die Klassenstruktur der Gesellschaft, ohne die Gramscis Konzept sich verflüchtigt, ist hier freilich bis zur Unlesbarkeit verblasst. Seit den 1970er Jahren hat Gramscis H-Konzept eine enorme Wirkung entfaltet. Während er bis dahin außerhalb Italiens und allenfalls noch Frankreichs »fast unbekannt« war, konnte Günther Trautmann 1987 feststellen, dass Gramscis »Hegemonialtheorie fast jedem europäischen Intellektuellen geläufig« war, ja »sogar in die Sprachwelt führender Politiker« vordrang (…) und das Zeug hatte, »zum Ausgangspunkt für eine moderne politische Handlungstheorie« zu werden (…). Im geschichtlichen Moment der Selbstaufgabe der DDR versuchte Detlev Hensche, die Einsichten Gramscis in der Gewerkschaftsbewegung zur Geltung zu bringen: »Proletkult und Intellektuellenvorbehalte haben eine lange Tradition, auch bei uns. Dabei wissen wir spätestens seit Gramsci, dass nicht allein der starke Arm des Arbeiters, sondern ebenso die öffentliche Meinung, die kulturelle H über die eigene Durchsetzungskraft entscheiden.« (1990) Peter Glotz sah in den //[[g:Gefängnishefte|Gefängnisheften]]// »sechs oder sieben Denkfiguren, mit denen die Parteien der europäischen Linken heute noch arbeiten könnten, wenn sie nur wollten. Die wichtigsten dieser Denkfiguren kann man mit drei Begriffen charakterisieren: kulturelle H, [[g:geschichtlicher Block|historischer Block]], Volkstümlichkeit.« (1991) Die Einschreibung in die Klassenstruktur der Gesellschaft, ohne die Gramscis Konzept sich verflüchtigt, ist hier freilich bis zur Unlesbarkeit verblasst.
 
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