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h:hermeneutik [2013/07/20 18:17]
christian
h:hermeneutik [2018/02/26 21:29] (aktuell)
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 Was gewöhnlich als Streit der Interpretationen abgebildet wird, reflektiert die [[k:Kräfteverhältnis]]se im Kampf um die Deutungshoheit. Wo immer die Nöte aktueller Gesellschaftsgestaltung dazu zwingen, die Geschichte um Rat zu fragen, kann es zu Auslegungskämpfen i.S.v. »antagonistischer Reklamation« (Haug 1993) bestimmter Prinzipien oder Texte kommen. Was gewöhnlich als Streit der Interpretationen abgebildet wird, reflektiert die [[k:Kräfteverhältnis]]se im Kampf um die Deutungshoheit. Wo immer die Nöte aktueller Gesellschaftsgestaltung dazu zwingen, die Geschichte um Rat zu fragen, kann es zu Auslegungskämpfen i.S.v. »antagonistischer Reklamation« (Haug 1993) bestimmter Prinzipien oder Texte kommen.
  
-Was für die ›kanonischen‹ Texte der Bibel – ›die Schrift‹ par excellence – gilt, holte mit der dem Ersten Weltkrieg entsprungenen Staatswerdung des Marxismus auch dessen ›[[k:klassisch]]e‹ Texte ein. Die Geschichte der ersten MEGA, deren Herausgeber David B. Rjazanov dem stalinschen Terror zum Opfer fiel (vgl. Rokitjanskij 1993), ist symptomatisch. Wo der ›Sinn‹ der Texte in letzter Instanz durch die formelle [[a:Autorität]] des Politbüros entschieden wird, erscheint als zu verfolgender ›[[d:Dissident(inn)en|Abweichler]]‹, wer am herrschaftskritischen Sinn festhält.+Was für die ›kanonischen‹ Texte der Bibel – ›die Schrift‹ par excellence – gilt, holte mit der dem Ersten Weltkrieg entsprungenen Staatswerdung des Marxismus auch dessen ›[[k:klassisch]]e‹ Texte ein. Die Geschichte der ersten <!--[-->[[m:MEGA|MEGA]]<!--]-->, deren Herausgeber David B. Rjazanov dem stalinschen Terror zum Opfer fiel (vgl. Rokitjanskij 1993), ist symptomatisch. Wo der ›Sinn‹ der Texte in letzter Instanz durch die formelle [[a:Autorität]] des Politbüros entschieden wird, erscheint als zu verfolgender ›[[d:Dissident(inn)en|Abweichler]]‹, wer am herrschaftskritischen Sinn festhält.
  
-Die geläufige Reduktion von H auf philosophische H hängt mit Heideggers Anspruch einer ›Neubegründung‹ der Philosophie als »H der Faktizität« (1923) zusammen, die die bis dahin eher »marginale Technik zweiten Grades« (Ferraris 2002) ins Zentrum rückt. Während Rudolf Eislers Philosophischem Wörterbuch H nur eine kleine Notiz wert war, widmet ihr dessen ›Nachfolger‹ HWPh 1974 bereits 12 Spalten. Der Erfolg der heideggerschen H kann nicht ohne den »genetischen Hintergrund« (Haug 1993) von Philosophie als sinnstiftender Macht begriffen werden: Der Untergang der Polis als geschichtlicher Macht war Anlass ihrer »[[i:Idealisierung]] im Denken« durch Aristoteles, aber nicht im Sinne einer menschheitlichen Utopie; vielmehr ist »die Ordnung, die da in Gedanken gefasst und ideell reproduziert wird, [...] Herrschaftsordnung: auf rücksichtslosem Naturverbrauch fußende Herrschaft von Männern über Frauen, gekreuzt mit Herrschaft über Sklaven« (…). Die Frage nach der »sinnstiftenden Funktion« der Philosophie als einer »komplementären imaginären Rekonstruktion« der »Zerrissenheit des [[g:Gemeinwesen]]s« (…), die bei Hegel die Notwendigkeit von Philosophie begründet (vgl. W 10), bietet einen Rahmen, um die philosophische H kritisch zu befragen und an ihr gerade das zu studieren, was »nicht philosophisch« ist, wie es bei Gramsci (Croces Marxismus-<!--[-->[[k:Kritik|Kritik]]<!--]--> umfunktionierend) heißt: »die praktischen Tendenzen und die gesellschaftlichen und klassenspezifischen Affekte, die diese repräsentieren« (//Gef//). +Die geläufige Reduktion von H auf philosophische H hängt mit Heideggers Anspruch einer ›Neubegründung‹ der Philosophie als »H der Faktizität« (1923) zusammen, die die bis dahin eher »marginale Technik zweiten Grades« (Ferraris 2002) ins Zentrum rückt. Während Rudolf Eislers Philosophischem Wörterbuch H nur eine kleine Notiz wert war, widmet ihr dessen ›Nachfolger‹ HWPh 1974 bereits 12 Spalten. Der Erfolg der heideggerschen H kann nicht ohne den »genetischen Hintergrund« (Haug 1993) von Philosophie als sinnstiftender <!--[-->[[m:Macht|Macht]]<!--]--> begriffen werden: Der Untergang der Polis als geschichtlicher Macht war Anlass ihrer »[[i:Idealisierung]] im Denken« durch Aristoteles, aber nicht im Sinne einer menschheitlichen Utopie; vielmehr ist »die Ordnung, die da in Gedanken gefasst und ideell reproduziert wird, [...] Herrschaftsordnung: auf rücksichtslosem Naturverbrauch fußende Herrschaft von Männern über Frauen, gekreuzt mit Herrschaft über Sklaven« (…). Die Frage nach der »sinnstiftenden Funktion« der Philosophie als einer »komplementären imaginären Rekonstruktion« der »Zerrissenheit des [[g:Gemeinwesen]]s« (…), die bei Hegel die Notwendigkeit von Philosophie begründet (vgl. W 10), bietet einen Rahmen, um die philosophische H kritisch zu befragen und an ihr gerade das zu studieren, was »nicht philosophisch« ist, wie es bei Gramsci (Croces Marxismus-<!--[-->[[k:Kritik|Kritik]]<!--]--> umfunktionierend) heißt: »die praktischen Tendenzen und die gesellschaftlichen und klassenspezifischen Affekte, die diese repräsentieren« (//Gef//). 
    
  
 
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h/hermeneutik.1374337025.txt.gz · Zuletzt geändert: 2013/07/20 18:17 von christian     Nach oben
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