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Individualismus

A: al-fardīya. – E: individualism. – F: individualisme. – R: individualizm. – S: individualismo. – C: gèrén zhǔyì 个人主义

Gabriel Vargas Lozano (PJ) (I.), Peter Jehle (II.)

HKWM 6/II, 2004, Spalten 918-933

I. Der I begreift die Gesellschaft als aus atomisierten Individuen zusammengesetzt. Der Ausdruck taucht im Rahmen der konservativen Kritik an Aufklärung und Französischer Revolution auf. Sowohl Edmund Burke wie Joseph de Maistre wenden sich gegen die Fragmentierung der Gesellschaft, die mit deren kapitalistischer Formierung um sich greift, aber auch Sozialisten oder Kommunisten wie Louis Blanc, Étienne Cabet oder Louis-Auguste Blanqui setzen dem I und Egoismus den Gedanken der Assoziation, der Philanthropie oder des Altruismus entgegen. Alexis de Tocqueville wiederum sieht den I als ein Produkt der Demokratie. Er unterscheidet zwischen dem Egoismus (den er der alten Gesellschaft zuordnet) und dem I, »einer überlegten und friedlichen Anschauung, die jeden Staatsbürger geneigt macht, sich von der Masse zu isolieren und sich mit seiner Familie und seinen Freunden abseits zu halten; so überlässt er gern die große Gesellschaft sich selbst, nachdem er sich eine kleine Gesellschaft zum eigenen Gebrauch geschaffen hat« (1840). Nach Tocqueville bringt die ›Egalisierung‹ der Demokratie die Differenzierung der Individuen hervor, der wiederum durch Zusammenschlüsse auf einer mittleren Ebene gegengesteuert wird (…).

Steven Lukes (1973) unterscheidet drei Begriffsstränge: der eine geht auf das kulturelle Klima in Frankreich zurück, wo die Anhänger Claude-Henri de Saint-Simons das Konzept als Kritik an der sozialen, moralischen und politischen Vereinzelung verstehen; ein zweiter hat seinen Ursprung in der deutschen Romantik bei Humboldt, Schlegel und Schleiermacher (»Volksgeist«); ein dritter entspringt in Nordamerika um die Wende vom 19. zum 20. Jh. als ein ideologischer Komplex, in dem sich der neuenglische Puritanismus, die jeffersonsche Tradition, die Naturrechte, der Einfluss Herbert Spencers, Ralph Waldo Emersons, Walt Whitmans und anderer mischen, um den I zur zentralen Ideologie einer zum Sozialismus alternativen, als ›frei‹ gedachten Gesellschaft zu machen. Der I als politische Ideologie (als ein Ensemble von Glaubensformen, Vorstellungen und Idealen, das die Konstruktion der kapitalistischen Moderne zu legitimieren sucht) wäre zu unterscheiden von dessn ethischer Dimension, die durch folgende Probleme umrissen wird: den Wert des menschlichen Individuums, Umfang und Grenzen seiner Autonomie, den Begriff der Selbstentwicklung, das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, Ethik und Politik sowie durch die Rolle des Individuums in den Gesellschafts- und Geschichtstheorien. Als »Besitzindividualismus« begreift Crawford B. Macpherson (1967) den I überhaupt als die Grundlage des Liberalismus, wie er mit Hobbes, Locke und Bentham entsteht.

II. Als »historisches Resultat«, nicht als »Ausgangspunkt der Geschichte«, tritt im 18. Jh. das Individuum auf den Plan (Gr). Wie die Epoche, die den Standpunkt des »vereinzelten Einzelnen« erzeugt, »grade die der bisher entwickeltsten gesellschaftlichen […] Verhältnisse« ist (Gr), so ist auch der I, der jenen Standpunkt zur Welt- und Lebensauffassung des aufsteigenden Bürgertums ausarbeitet, Ausdruck von Verhältnissen, in denen die einzelnen, herausgeschnitten aus ständischer Zugehörigkeit, in Konkurrenz gegeneinander gesetzt sind. Schon im absolutistischen Staat lag die Bedeutung des Bürgertums »keineswegs an seinem Charakter als Stand, sondern eben an der Verwendbarkeit der aus ihm losgelösten Individuen« (Krauss 1936). Wo der adlige Ratgeber immer auch als Repräsentant seiner Kaste agierte, fanden sich die Bürger in der stets ungesicherten Situation der allein mit ihrer Person »rückhaltlos« haftenden Staatsdiener (…). Mit den sich ausweitenden Ware-Geld-Beziehungen gewinnt auch die Dialektik von Befreiung und Knechtschaft eine neue Basis: nicht mehr an der Willkür des Fürsten, sondern am anonymen System der Konkurrenzverhältnisse und des Marktes bemisst sich die Handlungsfähigkeit des bürgerlichen Subjekts. Tatsächlich erweitert sie sich sprunghaft, insofern die korporativ fixierten Produktions- und Austauschbeziehungen des Ancien Régime zersetzt werden und das mächtig gewordene Individuum sich einbilden kann, ›der Gesellschaft‹ überhaupt entwachsen zu sein. Wo das Individuum als die »wesentlichste Form der Wirklichkeit« gilt, erscheint die Hervorbringung der geschichtlichen Welt als Resultat der »bewussten und interessierten Aktivität der Individuen« (Lalande). Die Vertragstheorien, die die ›Gesellschaft‹ als ein den individuellen Willen nachträglich entspringendes Konstrukt zur Sicherung von Person und Eigentum konzipieren, sind der Ausdruck dieser Illusion, die ihre Wirkungsbedingungen in den kapitalistischen Konkurrenzverhältnissen hat. ›I‹ ist insofern diejenige Ideologie, die diese bestimmten Verhältnisse zum Modell macht und gelungene Vergesellschaftung allein darauf beziffert, ob es dem einzelnen gelingt, innerhalb des Gegebenen zu ›arrivieren‹.

Aber wie das Individuum in seiner Wirklichkeit kein homogenes Ganzes, sondern ein »widerspruchsvoller Komplex in stetiger Entwicklung, […] eine mehr oder minder kampfdurchtobte Vielheit« ist (Brecht), so ist auch der I weniger eine fertige Lehre als das Terrain einer Auseinandersetzung, auf dem konkurrierende Deutungen der Lebensverhältnisse entworfen werden. Antonio Gramsci verlangt, verschiedene Formen von I zu unterscheiden, »progressivere, weniger progressive, die unterschiedlichen Typen von Zivilisation und von kulturellem Leben entsprechen« (Gef), wobei der einzelne das »Verknüpfungszentrum« der Verhältnisse ist, die er und in denen er sich verändert (…). André Comte-Sponville hebt hervor, dass sich der Term zwischen den Polen des »Egoismus« und des »Humanismus« – wenn jedes »Individuum«, d.h. »jedes menschliche Wesen« gemeint ist – bewegt (Individualisme, in: Dictionnaire philosophique, 2001). Im ›I‹ ist Platz sowohl für den emanzipatorischen Anspruch, frei von aller Bevormundung sein Leben einzurichten, wie auch für die neoliberale Anrufung, ›Unternehmer‹ seiner selbst zu sein und in antagonistischen Verhältnissen den anderen möglichst den Rang abzulaufen. Solcher I empfiehlt sich als ein Modus von ›Individualität‹, die ihre Gestehungskosten auf andere abwälzt: ›Nach mir die Sintflut!‹ Bertolt Brecht hingegen fasst ›Individualität‹ nicht-individualistisch: »Wodurch wird die ›Eigenheit‹ des einzelnen garantiert? Durch seine Zugehörigkeit zu mehr als einem Kollektiv.« (…) Erich Wulff hat gezeigt, dass die herkömmlichen Auffassungen über Schizophrenie und Ich-Störungen durch den ans Individual-Ich gebundenen bürgerlichen Glücksbegriff bestimmt sind und dass »positive Angaben über ihr Vorkommen nur innerhalb des europäisch-nordamerikanischen Kulturbereiches sich finden lassen« (1969). In den von Wulff beobachteten vietnamesischen Verhältnissen hingegen erschien das »Ich« als ein »nichtindividualisiertes« und wurde die »Ich-Leistung« weniger als individuelle, »sondern vielmehr als eine eminent kollektive Leistung angesehen, an der vor allem die eigene erweiterte Familie, […] die Nachbarschaft, ja die ganze Dorfgemeinschaft teilhaben« (…).

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