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i:innerlichkeit [2013/08/16 12:43]
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i:innerlichkeit [2015/03/26 23:07] (aktuell)
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-Als Anton Reiser einmal auf der Straße vom Direktor des Lyzeums überraschend angeredet wurde, ob er nicht »Reiserus« heiße, war dies für den begabten, von den Eltern missachteten und in materieller und moralischer Bedrückung lebenden Knaben wie eine zweite Geburt. Der latinisierte Name, ausgesprochen von einer Person höchster [[a:Autorität]], war wie das Versprechen einer von der Misere freien Existenz, die sich ihm als künftigem Bewohner einer übers Latein integrierten universalen [[b:Bildung]]swelt bieten würde. In Karl Philipp Moritz’ Roman (1785) fungiert das <!--[-->[[k:Kultur|Kulturelle]]<!--]--> als ein ›Gelobtes Land‹ für jene, die in der höfischen Gesellschaft als Dritter Stand für subalterne Funktionen vorgesehen sind. Es wird zum Medium der Ausarbeitung einer neuen Welt- und Lebensauffassung, die den bürgerlichen Gruppen das Bewusstsein ihrer spezifischen Differenz verleiht. Die »Geschichte der I, der Quelle unserer höchsten Vermögen, der Philosophie und der Musik«, hängt »mit dem Mangel der gesellschaftlichen [[e:Entwicklung]] […] auf das genaueste zusammen« (Plessner 1959). I in diesem Sinn muss als eine bestimmte Formation des deutschen Bürgertums gefasst werden, die mit seiner politischen [[e:Emanzipation]] nach dem Ersten Weltkrieg zwar nicht verschwindet, aber sich entscheidend verändert. In andere Sprachen ist der Begriff aufgrund dieser Spezifik nur annähernd zu übersetzen. +Als Anton Reiser einmal auf der Straße vom Direktor des Lyzeums überraschend angeredet wurde, ob er nicht »Reiserus« heiße, war dies für den begabten, von den Eltern missachteten und in materieller und moralischer Bedrückung lebenden Knaben wie eine zweite Geburt. Der latinisierte Name, ausgesprochen von einer Person höchster [[a:Autorität]], war wie das Versprechen einer von der Misere freien Existenz, die sich ihm als künftigem Bewohner einer übers Latein integrierten universalen [[b:Bildung]]swelt bieten würde. In Karl Philipp Moritz’ Roman (1785) fungiert das <!--[-->[[k:Kultur|Kulturelle]]<!--]--> als ein ›Gelobtes Land‹ für jene, die in der höfischen Gesellschaft als Dritter Stand für subalterne Funktionen vorgesehen sind. Es wird zum Medium der Ausarbeitung einer neuen Welt- und Lebensauffassung, die den bürgerlichen Gruppen das Bewusstsein ihrer spezifischen Differenz verleiht. Die »Geschichte der I, der Quelle unserer höchsten Vermögen, der Philosophie und der Musik«, hängt »mit dem <!--[-->[[m:Mangel|Mangel]]<!--]--> der gesellschaftlichen [[e:Entwicklung]] […] auf das genaueste zusammen« (Plessner 1959). I in diesem Sinn muss als eine bestimmte Formation des deutschen Bürgertums gefasst werden, die mit seiner politischen [[e:Emanzipation]] nach dem Ersten Weltkrieg zwar nicht verschwindet, aber sich entscheidend verändert. In andere Sprachen ist der Begriff aufgrund dieser Spezifik nur annähernd zu übersetzen. 
    
  

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