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i:islamischer_fundamentalismus [2015/04/08 12:52]
christian
i:islamischer_fundamentalismus [2018/02/26 21:29] (aktuell)
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 Unter iF versteht man allgemein eine ideologische Strömung, die die islamische Frühgeschichte in Medina im 7. Jh. und v.a. die vorbildhaften Worte und Taten des Propheten Muhammad als Utopie der gesellschaftlichen, politischen und moralischen Ordnung konstruiert und die eigenen sozialen und politischen Initiativen als Versuche der Wiedereinsetzung dieses einzigartigen historischen Moments betrachtet. Die Wiederherstellung eines verlorenen goldenen Zeitalters wird als Wiedergewinnung eines dauerhaften und zeitlosen Zustands der Reinheit angesehen, der durch die spätere [[g:Geschichte]] korrumpiert wurde, aber in der Latenz intakt blieb. Unter iF versteht man allgemein eine ideologische Strömung, die die islamische Frühgeschichte in Medina im 7. Jh. und v.a. die vorbildhaften Worte und Taten des Propheten Muhammad als Utopie der gesellschaftlichen, politischen und moralischen Ordnung konstruiert und die eigenen sozialen und politischen Initiativen als Versuche der Wiedereinsetzung dieses einzigartigen historischen Moments betrachtet. Die Wiederherstellung eines verlorenen goldenen Zeitalters wird als Wiedergewinnung eines dauerhaften und zeitlosen Zustands der Reinheit angesehen, der durch die spätere [[g:Geschichte]] korrumpiert wurde, aber in der Latenz intakt blieb.
  
-Es war niemals die Auffassung der islamischen Geistlichen im Mittelalter, dass ein solch wunderbarer Moment sich vor dem Anbruch der Apokalypse und der Ankunft des Messias (arab. //al-Mahdi//) wiederholen könnte; und da sie praktische Juristen waren, hielten sie auch nie die [[i:Illusion]] aufrecht, dass eine solche ursprüngliche Unschuld wieder gewonnen und solche ursprüngliche Bedingungen wiederhergestellt werden könnten. In beiden Punkten setzten sich die modernen Fundamentalisten von ihnen ab. Hierzu führten sie erstmals eine Praxis ein, den Koran als eine politische Urkunde zu lesen, die nicht nur dogmatische Äußerungen, sondern auch Verpflichtungen und Verbote als Bestandteile des politischen Programms einer islamischen Gesetzesherrschaft enthält. Die sog. ›Rückkehr‹ zum Islam ist in Wirklichkeit eine zu einem neu geschaffenen Ort.+Es war niemals die Auffassung der islamischen Geistlichen im Mittelalter, dass ein solch wunderbarer Moment sich vor dem Anbruch der Apokalypse und der Ankunft des <!--[-->[[m:Messianismus|Messias]]<!--]--> (arab. //al-Mahdi//) wiederholen könnte; und da sie praktische Juristen waren, hielten sie auch nie die [[i:Illusion]] aufrecht, dass eine solche ursprüngliche Unschuld wieder gewonnen und solche ursprüngliche Bedingungen wiederhergestellt werden könnten. In beiden Punkten setzten sich die modernen Fundamentalisten von ihnen ab. Hierzu führten sie erstmals eine Praxis ein, den Koran als eine politische Urkunde zu lesen, die nicht nur dogmatische Äußerungen, sondern auch Verpflichtungen und Verbote als Bestandteile des politischen Programms einer islamischen Gesetzesherrschaft enthält. Die sog. ›Rückkehr‹ zum Islam ist in Wirklichkeit eine zu einem neu geschaffenen Ort.
  
 In diesem Sinne ist der iF ein zutiefst modernes Phänomen des Antimodernismus. Er ist nicht so sehr im Nebel des Phantasmas als im vollen Licht der modernen Geschichte entstanden und muss daher von diesen Entstehungsbedingungen her verstanden werden. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung bei Muslimen und Nicht-Muslimen, die sich in gängigen Titeln wie ›islamisches Erwachen‹ oder ›Wiederkehr des Islam‹ niedergeschlagen hat, ist er von den alten islamischen Traditionen, und zwar von den gelehrten wie von den popularen, viel zu weit entfernt und auch entfremdet, als dass man ihn als authentische, wenn auch verdichtete Resultante dieser Traditionen ansehen könnte. Insofern er den politischen [[a:Ausdruck]] einer bestimmten, vom Kanon abgeleiteten Betrachtungsweise und Inspiration darstellt, ist er in der Religionsgeschichte eher Normalfall denn Ausnahme: das utopische Ziel als eine Rückkehr zum heilen Ursprung zu artikulieren, ist ein allgemeiner Topos religiöser Heilsgeschichte und »Mythopraxis« (Sahlins). Eine besondere Nähe lässt sich zu Formen des Protestantismus aufzeigen, dessen Ursprung, die Reformation, sich selbst ja durch die Treue zum urchristlichen Ursprung definiert hat (vgl. Al-Azmeh 2002). In seiner romantischen Suche nach einem unbefleckten //Shangri-La, //einer ›heilen Welt‹, konvergiert er wiederum mit nostalgischen Ideologien, die unterschiedliche soziale [[b:Bewegung|Bewegungen]] der Moderne, populistische wie nationalistische, bestimmt haben. In seiner Ausrichtung an einer »passiven Revolution« (Gramsci) treibt der iF Geschichts-, [[g:Gesellschaft]]s- und Staatskonzeptionen hervor, die den universellen Grundelementen des Populismus, Vitalismus und Voluntarismus entsprechen, die ihrerseits zum Standardrepertoire der antirevolutionären und gegenaufklärerischen Ideologien der europäischen wie außereuropäischen Geschichte seit der Französischen Revolution gehören. In diesem Sinne ist der iF ein zutiefst modernes Phänomen des Antimodernismus. Er ist nicht so sehr im Nebel des Phantasmas als im vollen Licht der modernen Geschichte entstanden und muss daher von diesen Entstehungsbedingungen her verstanden werden. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung bei Muslimen und Nicht-Muslimen, die sich in gängigen Titeln wie ›islamisches Erwachen‹ oder ›Wiederkehr des Islam‹ niedergeschlagen hat, ist er von den alten islamischen Traditionen, und zwar von den gelehrten wie von den popularen, viel zu weit entfernt und auch entfremdet, als dass man ihn als authentische, wenn auch verdichtete Resultante dieser Traditionen ansehen könnte. Insofern er den politischen [[a:Ausdruck]] einer bestimmten, vom Kanon abgeleiteten Betrachtungsweise und Inspiration darstellt, ist er in der Religionsgeschichte eher Normalfall denn Ausnahme: das utopische Ziel als eine Rückkehr zum heilen Ursprung zu artikulieren, ist ein allgemeiner Topos religiöser Heilsgeschichte und »Mythopraxis« (Sahlins). Eine besondere Nähe lässt sich zu Formen des Protestantismus aufzeigen, dessen Ursprung, die Reformation, sich selbst ja durch die Treue zum urchristlichen Ursprung definiert hat (vgl. Al-Azmeh 2002). In seiner romantischen Suche nach einem unbefleckten //Shangri-La, //einer ›heilen Welt‹, konvergiert er wiederum mit nostalgischen Ideologien, die unterschiedliche soziale [[b:Bewegung|Bewegungen]] der Moderne, populistische wie nationalistische, bestimmt haben. In seiner Ausrichtung an einer »passiven Revolution« (Gramsci) treibt der iF Geschichts-, [[g:Gesellschaft]]s- und Staatskonzeptionen hervor, die den universellen Grundelementen des Populismus, Vitalismus und Voluntarismus entsprechen, die ihrerseits zum Standardrepertoire der antirevolutionären und gegenaufklärerischen Ideologien der europäischen wie außereuropäischen Geschichte seit der Französischen Revolution gehören.

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i/islamischer_fundamentalismus.1428490329.txt.gz · Zuletzt geändert: 2015/04/08 12:52 von christian     Nach oben
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