Differences

This shows you the differences between two versions of the page.

Link zu dieser Vergleichsansicht

m:materialismus_altindischer [2018/03/08 14:41]
flo
m:materialismus_altindischer [2018/03/20 10:17] (aktuell)
flo
Zeile 9: Zeile 9:
 Unter aM werden unterschiedlich ausgereifte philosophische Auffassungen verstanden, die von ersten Spuren im //Rigveda// aus dem zweiten Jahrtausend v.u.Z. über die Proto-Materialisten – v.a. Uddālaka Āruṇi (um 700 v.u.Z.) und Ajita Kesakambala (um 600 v.u.Z.) – bis zu vollentwickelten Formen wie dem ›alten‹ Materialismus der Prä-Cārvāka-Schulen (in den Jahrhunderten vor dem 8. Jh.) und dem ›neuen‹ Materialismus der Cārvākas (um 8. Jh.) reichen. Nach dem 12. Jh. scheinen Materialisten, egal welcher Schule, auf dem indischen Subkontinent weitgehend verschwunden zu sein. Die Literatur des aM ist bis auf wenige Fragmente verloren gegangen (eine Zusammenstellung von Quellenmaterial findet sich in Chattopadhyaya 1990; weitere Fragmente in Bhattacharya 2002, 603-18, u. 2011, 78-93; sowie eine Übersicht über die wesentlichen Quellen in 2015, 48ff). Ob sie von Gegnern des Materialismus zerstört wurde oder im Gefolge der arabischen Invasion verloren ging, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Erst die umfangreiche Rekonstruktionsarbeit indischer Wissenschaftler, v.a. marxistischer Philosophiehistoriker, hat dieses <!--[-->[[e:Erbe|Erbe]]<!--]--> seit dem 20. Jh. wieder soweit wie möglich erschlossen. Inhaltlich konnte es fast nur indirekt aus den Kritiken der Gegner ermittelt werden, d.h. aus Schriften brahmanischer, jainistischer und buddhistischer Autoren. Diesen Kritiken ist zu entnehmen, dass materialistische philosophische Konzeptionen sowohl in Nord- wie in Südindien verbreitet waren. Unter aM werden unterschiedlich ausgereifte philosophische Auffassungen verstanden, die von ersten Spuren im //Rigveda// aus dem zweiten Jahrtausend v.u.Z. über die Proto-Materialisten – v.a. Uddālaka Āruṇi (um 700 v.u.Z.) und Ajita Kesakambala (um 600 v.u.Z.) – bis zu vollentwickelten Formen wie dem ›alten‹ Materialismus der Prä-Cārvāka-Schulen (in den Jahrhunderten vor dem 8. Jh.) und dem ›neuen‹ Materialismus der Cārvākas (um 8. Jh.) reichen. Nach dem 12. Jh. scheinen Materialisten, egal welcher Schule, auf dem indischen Subkontinent weitgehend verschwunden zu sein. Die Literatur des aM ist bis auf wenige Fragmente verloren gegangen (eine Zusammenstellung von Quellenmaterial findet sich in Chattopadhyaya 1990; weitere Fragmente in Bhattacharya 2002, 603-18, u. 2011, 78-93; sowie eine Übersicht über die wesentlichen Quellen in 2015, 48ff). Ob sie von Gegnern des Materialismus zerstört wurde oder im Gefolge der arabischen Invasion verloren ging, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Erst die umfangreiche Rekonstruktionsarbeit indischer Wissenschaftler, v.a. marxistischer Philosophiehistoriker, hat dieses <!--[-->[[e:Erbe|Erbe]]<!--]--> seit dem 20. Jh. wieder soweit wie möglich erschlossen. Inhaltlich konnte es fast nur indirekt aus den Kritiken der Gegner ermittelt werden, d.h. aus Schriften brahmanischer, jainistischer und buddhistischer Autoren. Diesen Kritiken ist zu entnehmen, dass materialistische philosophische Konzeptionen sowohl in Nord- wie in Südindien verbreitet waren.
  
-Wie alle materialistischen Auffassungen betont der aM die Materialität alles Seienden, die Priorität der Materie vor dem <!--[-->[[b:Bewußtsein|Bewusstsein]]<!--]-->, die Sinneswahrnehmung als Grundlage der Erkenntnis sowie die Verneinung der Existenz einer jenseitigen Welt. Abgelehnt werden religiöse Riten sowie der Glaube an die Wirksamkeit von Gebeten und die Verehrung von <!--[-->[[g:Gott|Gott]]<!--]--> oder Göttern. Die herrschaftskritischen Auffassungen des aM sind überliefert durch brahmanische Repräsentanten, die die Materialisten für ihren Zweifel an der Absolutheit der sozialen Ordnung mit ihrer Ständeteilung in vier <!--[-->[[k:Kaste|Kasten]]<!--]--> (//varṇa//), den patriarchalen Strukturen und den damit verbundenen Normen und Tabus kritisieren. Das Kastensystem steht für eine strikt gegliederte soziale <!--[-->[[h:Hierarchie/Antihierarchie|Hierarchie]]<!--]--> mit den Brahmanen (Priesterklasse) an der Spitze, gefolgt von den Kṣatriyas (Krieger, Fürsten), den Vaiśyas (Landwirte, Händler) und den Śūdras (Arbeiter).+Wie alle materialistischen Auffassungen betont der aM die Materialität alles Seienden, die Priorität der [[m:Materie]] vor dem <!--[-->[[b:Bewußtsein|Bewusstsein]]<!--]-->, die Sinneswahrnehmung als Grundlage der Erkenntnis sowie die Verneinung der [[e:Existenz]] einer jenseitigen Welt. Abgelehnt werden religiöse Riten sowie der Glaube an die Wirksamkeit von Gebeten und die Verehrung von <!--[-->[[g:Gott|Gott]]<!--]--> oder Göttern. Die herrschaftskritischen Auffassungen des aM sind überliefert durch brahmanische Repräsentanten, die die Materialisten für ihren Zweifel an der Absolutheit der sozialen Ordnung mit ihrer Ständeteilung in vier <!--[-->[[k:Kaste|Kasten]]<!--]--> (//varṇa//), den patriarchalen Strukturen und den damit verbundenen Normen und Tabus kritisieren. Das Kastensystem steht für eine strikt gegliederte soziale <!--[-->[[h:Hierarchie/Antihierarchie|Hierarchie]]<!--]--> mit den Brahmanen (Priesterklasse) an der Spitze, gefolgt von den Kṣatriyas (Krieger, Fürsten), den Vaiśyas (Landwirte, Händler) und den Śūdras (Arbeiter).
  
 Die Besonderheiten der philosophischen Entwicklung in Indien sind v.a. die Allgemeingültigkeit und Zentralität des Konzepts der Reinkarnation (und damit verbunden der Karma-Lehre), das etwa in der griechischen Philosophie – trotz des Auftauchens bei Pythagoras und Platon – nie zum Mainstream gehörte, und die einzigartige <!--[-->[[a:Autorität|Autorität]]<!--]--> der Veden (die noch über dem <!--[-->[[g:Glauben|Glauben]]<!--]--> an Gott oder Götter steht), die mit der christlichen Treue zur Bibel oder der muslimischen zum Koran kaum vergleichbar ist. Entsprechend tritt auch der Materialismus in Indien von Beginn an in spezifischem Gewand auf, etwa wenn die ersten proto-materialistischen Impulse auf die Ablehnung der Vorstellung eines Lebens nach dem Tod zielen. Die Besonderheiten der philosophischen Entwicklung in Indien sind v.a. die Allgemeingültigkeit und Zentralität des Konzepts der Reinkarnation (und damit verbunden der Karma-Lehre), das etwa in der griechischen Philosophie – trotz des Auftauchens bei Pythagoras und Platon – nie zum Mainstream gehörte, und die einzigartige <!--[-->[[a:Autorität|Autorität]]<!--]--> der Veden (die noch über dem <!--[-->[[g:Glauben|Glauben]]<!--]--> an Gott oder Götter steht), die mit der christlichen Treue zur Bibel oder der muslimischen zum Koran kaum vergleichbar ist. Entsprechend tritt auch der Materialismus in Indien von Beginn an in spezifischem Gewand auf, etwa wenn die ersten proto-materialistischen Impulse auf die Ablehnung der Vorstellung eines Lebens nach dem Tod zielen.

Sitemap

This is a sitemap over all available pages ordered by namespaces.

Page Actions
Wiki Actions
User Actions
Submit This Story
 
InkriT Spende/Donate     Kontakt und Impressum: Berliner Institut für kritische Theorie e.V., c/o Tuguntke, Rotdornweg 7, 12205 Berlin
m/materialismus_altindischer.txt · Zuletzt geändert: 2018/03/20 10:17 von flo     Nach oben
Recent changes RSS feed Powered by PHP Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki Design by Chirripó