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Jazz []

Jazz

A: ǧaz. – E: jazz. – F: jazz. – R: džaz. – S: jazz. – C: juéshì yīnyuè 爵士音乐

Mathias Spahlinger (I.), Ben Watson (DK) (II.)

HKWM 6/II, 2004, Spalten 1613-1632

I. Dass der J eine genuin proletarische Erfindung sei, ist vielleicht eine idealisierende Verkürzung. Um 1900 in Louisiana (Ort und Zeit werden allgemein angenommen für die Entstehung des J) waren Musiker oft Halbprofis, zugleich abhängig arbeitende Handwerker oder kleine Gewerbetreibende; Zuhälter waren darunter und Billardkönige oder musikalische Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter, auch erste Berufsmusiker in den Vergnügungsvierteln. Die schwarzen Musiker waren oft Autodidakten und Analphabeten, während Kreolen und Weiße eine fundierte traditionelle musikalische Bildung besitzen konnten; in ihrer Mehrheit aber besaßen sie, auch wenn sie gut verdienten, nichts als ihre Arbeitskraft – und zumeist ihr Instrument. […]

›Authentischer‹ J ist in Bezug auf seine Entstehung ein Konstrukt post festum. Wenn es einen Sinn ergeben soll, von authentischem J zu sprechen, dann nicht im Namen einer schimärischen Ursprünglichkeit, sondern eher im Sinne von bewusstem, elaboriertem und geglücktem Ausdruck. Über ästhetische Wahrheit oder Unwahrheit entscheidet die Kraft zum Widerstand gegen alles, was zu schön ist, um wahr zu sein.

Wenn nicht in seinen (in diesem Sinne) authentischen Erscheinungsformen, so doch in seinen Derivaten, v.a. in einer seiner wesentlichen Eigenschaften ist der J die ›erfolgreichste‹ Musik seit Beginn des 20. Jh. Gemeint ist diejenige Eigenschaft, auf die sich alle Versuche zu definieren, was jazzspezifisch ist, einigen können: die eigentümlich schwebende Rhythmus-Auffassung (off the ground), die swing genannt wird. Von den Tanzkapellen der 20er Jahre bis zur Popularmusik unserer Tage, nach vielen Versuchen der bürgerlichen ›ernsten‹ Musik, sich »frisches Niggerblut« zuzuführen (dies war antirassistisch gemeint von dem Komponisten und Konservatoriumslehrer Bernhard Sekles), gibt es keine neuere folkloristische Unterhaltungsmusik auf diesem Globus, die ethnische Eigenheiten bewahren und zugleich zeitgemäß sein will, die ohne Drumset auskommt, nicht einmal die bayerische Oktoberfestmusik. Soll Musikanalyse als Ideologiekritik möglich sein, dann kann die Frage an den swing als Ideologem lauten: Wie verhält sich Musik, die swingt (oder es versucht), zum Widerstand des swing gegen die europäische 4/4-Taktmetrik und ihre Implikationen?

II. Die Geschichte des J wird normalerweise als schöngefärbte Parabel der ›Rassen‹-Beziehungen in den USA erzählt: befreite afrikanische Sklaven begegneten der europäischen Musik und entwickelten daraus ein musikalisches Genre, das die Welt eroberte. In der Tat lässt sich J nicht unabhängig von Rassismus begreifen, aber Blues und J waren auch eine Antwort auf die Brutalität und das Tempo moderner kapitalistischer Ausbeutung. Frank Kofsky (1970) sowie Philippe Carles und Jean-Louis Comolli (1971) lieferten erstmals historisch-materialistische Analysen des J. Carles und Comolli war die Wirkung von Polizeiknüppeln vertraut, was ihrem Schreiben eine Dringlichkeit und Realität gab, die denen fehlte, die nur aus der Erfahrung von Nachtclubs und Schallplatten schrieben. Beide Bücher wurden zudem im Kontext des Widerstands gegen den Vietnam-Krieg und der weltweiten Studentenbewegung geschrieben. Nachdem das damals relevant gewordene marxistische Denken in den 1980er und 90er Jahren heruntergespielt worden war (das Jazzrevival in Großbritannien und Wynton Marsalis’ Neu-Klassizismus in den USA verbanden sich mit dem Lebensstil der ›Yuppies‹), reaktualisierte der Antikapitalismus von 1999 (London, Seattle) den revolutionären J der 60er Jahre. Ein Buch wie das von Martin Smith (2001) über John Coltrane wäre zwei Jahrzehnte früher unvorstellbar gewesen.

J wurde mit der Schallplattenindustrie groß (die erste Veröffentlichung der Original Dixieland Jass Band ist von 1917) und entsprang einem kapitalistischen Abenteuer am unteren Ende der sozialen Leiter. Eine Musik, die mit Bordellen (Ragtime, 1890-1914; New Orleans, 1924-1920, wiederbelebt in den 1940ern), dem Nachtclub (Swing, 1930er-40er; Bebop Mitte der 1940er-60er) und den Künstler-Lofts (Free, ab 1960) in Verbindung gebracht wird, zieht eher Säufer, Gangster und Opportunisten an als Sozialisten (Hollywoods Vernarrtheit ins mafiose Milieu unterschlägt, dass dieses die Schläger lieferte, um Streikende einzuschüchtern oder zu erschießen). Damit seine Musiker Sozialismus und Marxismus entdeckten, bedurfte es derselben harten Schule von Ausbeutung wie in jeder anderen Industrie.

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j/jazz.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/26 21:29 (Externe Bearbeitung)     Nach oben
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