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h:holokaust [2013/07/20 19:05]
christian
h:holokaust [2015/03/26 23:07] (aktuell)
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-Dass Nomenklatur ideologisch werden kann, hat nicht nur mit der epistemologischen Krise hinsichtlich des Adäquanzverhältnisses von [[g:Gegenstand]] und [[b:Begriff]] bzw. von Benennung und Benanntem zu tun, sondern die Benennungspraxis selbst schreibt sich ein in agonale Grabenkämpfe, bei denen Geschichte, Welt und Wirklichkeit, wenn schon nicht ganz und gar ignoriert, so doch nicht selten in die Zweitrangigkeit des Epiphänomens verwiesen werden. Ideologisch kann Benennung aber auch dann werden, wenn sich im Namen die bewusste, aber eben auch nicht nur bewusste bzw. vorbewusst manipulative Verhüllung oder Entstellung des Benannten niederschlägt. Nomenklatur ist immer dann ideologisch, wenn der Nennungsbegriff das Benannte für heteronome [[i:Interesse]]n so zurichtet, dass die Wahrnehmung des Benannten wesenhaft affiziert, der Gegenstand der Wahrnehmung mithin regelrecht unkenntlich gemacht wird.+Dass Nomenklatur ideologisch werden kann, hat nicht nur mit der epistemologischen Krise hinsichtlich des Adäquanzverhältnisses von [[g:Gegenstand]] und [[b:Begriff]] bzw. von Benennung und Benanntem zu tun, sondern die Benennungspraxis selbst schreibt sich ein in agonale Grabenkämpfe, bei denen Geschichte, Welt und Wirklichkeit, wenn schon nicht ganz und gar ignoriert, so doch nicht selten in die Zweitrangigkeit des Epiphänomens verwiesen werden. Ideologisch kann Benennung aber auch dann werden, wenn sich im Namen die bewusste, aber eben auch nicht nur bewusste bzw. vorbewusst <!--[-->[[m:Manipulation|manipulativ]]<!--]-->e Verhüllung oder Entstellung des Benannten niederschlägt. Nomenklatur ist immer dann ideologisch, wenn der Nennungsbegriff das Benannte für heteronome [[i:Interesse]]n so zurichtet, dass die Wahrnehmung des Benannten wesenhaft affiziert, der Gegenstand der Wahrnehmung mithin regelrecht unkenntlich gemacht wird.
  
 Dabei hat der relativ neutrale Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg spätestens bei dem am europäischen Judentum verübten Völkermord seine Grenzen. Dies ist nicht allein dem Umstand geschuldet, dass sich im Geschichtsereignis, das als ›Weltkrieg‹ kodiert worden ist, mehr historische Tiefenschichten und materielle gesellschaftliche Strukturen sedimentiert haben, als der Begriff je zu indizieren vermöchte, sondern vor allem deshalb, weil mit der Massenvernichtung der Juden etwas geschichtlich Präzedenzloses eingetreten war, etwas, das zunächst namenlos bleiben musste, weil seine Unsäglichkeit der adäquaten Namensgebung entbehrte. Nicht von ungefähr ist in diesem Zusammenhang der diagnostische Begriff des »Zivilisationsbruches« (Diner 1988) geprägt worden. Allein schon die Vorstellung, dass der »Rückfall in die Barbarei« (etwa Bachof 1965; vgl. Haug 1987) durch die Zivilisation selbst bzw. durch die immanente Logik ihres neuzeitlichen Laufs gezeitigt worden war, musste deren optimistisch-lineares, aufklärerisch motiviertes Selbstverständnis ins Wanken bringen. Dabei hat der relativ neutrale Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg spätestens bei dem am europäischen Judentum verübten Völkermord seine Grenzen. Dies ist nicht allein dem Umstand geschuldet, dass sich im Geschichtsereignis, das als ›Weltkrieg‹ kodiert worden ist, mehr historische Tiefenschichten und materielle gesellschaftliche Strukturen sedimentiert haben, als der Begriff je zu indizieren vermöchte, sondern vor allem deshalb, weil mit der Massenvernichtung der Juden etwas geschichtlich Präzedenzloses eingetreten war, etwas, das zunächst namenlos bleiben musste, weil seine Unsäglichkeit der adäquaten Namensgebung entbehrte. Nicht von ungefähr ist in diesem Zusammenhang der diagnostische Begriff des »Zivilisationsbruches« (Diner 1988) geprägt worden. Allein schon die Vorstellung, dass der »Rückfall in die Barbarei« (etwa Bachof 1965; vgl. Haug 1987) durch die Zivilisation selbst bzw. durch die immanente Logik ihres neuzeitlichen Laufs gezeitigt worden war, musste deren optimistisch-lineares, aufklärerisch motiviertes Selbstverständnis ins Wanken bringen.
 
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h/holokaust.1374339911.txt.gz · Zuletzt geändert: 2013/07/20 19:05 von christian     Nach oben
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