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g:gulag [2011/04/07 14:22]
christian
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-Das Akronym aus der stalinistischen Verwaltungssprache (gebildet aus //Glavnoe upravlenie ispravitel’no- trudovych lagerej//, »Hauptverwaltung für die Besserungsarbeitslager«) bezeichnet die Behörde, der in den 1930er Jahren sukzessive alle Straflager in der SU unterstellt wurden. Eingerichtet wurde sie 1930 innerhalb der gesamtrussischen Geheimpolizei OGPU (Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung), nachdem im Zuge der begonnenen Zwangskollektivierung die Zahl der Häftlinge gewaltig anstieg und außerdem alle, die mehr als drei Jahre zu verbüßen hatten, der OGPU überstellt wurden. Die Institution steht nicht für den ganzen Komplex des stalinschen Terror-Regimes, das außer Zwangsarbeit Gefängnisstrafen, Verbannung, gewaltsame Umsiedlungen, Erschießungen u.dgl.m. umfasste. Von enormer Bedeutung für die Machtfülle des G war, dass nach der Auflösung (Dez. 1930) der einzelrepublikanischen NKWDs (Volkskommissariate des Innern) 1934 ein gesamtstaatliches NKWD der UdSSR geschaffen und diesem die OGPU eingegliedert wurde. Für das G bedeutete dies, dass es nun nicht allein über die Lager der Geheimpolizei, sondern über alle Lager in der SU (also auch die vormals der einzelrepublikanischen Verwaltung unterstellten) zentral verfügte. Das G herrschte damit bis zu seiner Auflösung 1956 über ein weit verzweigtes und ständig sich erweiterndes Netz von Straflagern, das Alexander Solschenizyn später mit einem Inselmeer verglich (//Archipel G//, 1974-76). Im Anschluss an diese Metapher (und gefördert durch eine weit verbreitete, jedoch irrtümliche Herleitung des Akronyms aus der russischen Bezeichnung für ›staatliches Lager‹) hat sich im alltäglichen Sprachgebrauch mehr und mehr die Tendenz durchgesetzt, die Abkürzung ›G‹ als Synonym für das sowjetische Arbeitslagersystem zu verwenden.+Das Akronym aus der stalinistischen Verwaltungssprache (gebildet aus //Glavnoe upravlenie ispravitel’no- trudovych lagerej//, »Hauptverwaltung für die Besserungsarbeitslager«) bezeichnet die Behörde, der in den 1930er Jahren sukzessive alle Straflager in der SU unterstellt wurden. Eingerichtet wurde sie 1930 innerhalb der gesamtrussischen Geheimpolizei OGPU (Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung), nachdem im Zuge der begonnenen Zwangskollektivierung die Zahl der Häftlinge gewaltig anstieg und außerdem alle, die mehr als drei Jahre zu verbüßen hatten, der OGPU überstellt wurden. Die Institution steht nicht für den ganzen Komplex des stalinschen Terror-Regimes, das außer Zwangsarbeit Gefängnisstrafen, Verbannung, gewaltsame Umsiedlungen, Erschießungen u.dgl.m. umfasste. Von enormer Bedeutung für die <!--[-->[[m:Macht|Macht]]<!--]-->fülle des G war, dass nach der Auflösung (Dez. 1930) der einzelrepublikanischen NKWDs (Volkskommissariate des Innern) 1934 ein gesamtstaatliches NKWD der UdSSR geschaffen und diesem die OGPU eingegliedert wurde. Für das G bedeutete dies, dass es nun nicht allein über die Lager der Geheimpolizei, sondern über alle Lager in der SU (also auch die vormals der einzelrepublikanischen Verwaltung unterstellten) zentral verfügte. Das G herrschte damit bis zu seiner Auflösung 1956 über ein weit verzweigtes und ständig sich erweiterndes Netz von Straflagern, das Alexander Solschenizyn später mit einem Inselmeer verglich (//Archipel G//, 1974-76). Im Anschluss an diese <!--[-->[[m:Metapher|Metapher]]<!--]--> (und gefördert durch eine weit verbreitete, jedoch irrtümliche Herleitung des Akronyms aus der russischen Bezeichnung für ›staatliches Lager‹) hat sich im alltäglichen Sprachgebrauch mehr und mehr die Tendenz durchgesetzt, die Abkürzung ›G‹ als Synonym für das sowjetische Arbeitslagersystem zu verwenden.
  
-Die meisten linken Autoren konzentrieren sich auf die Schrecken des ›Großen Terrors‹ der politischen Repressionswelle der Jahre 1937-38, die zur Liquidierung der alten Garde Lenins führte und als Selbstmord der Partei charakterisiert worden ist (Žižek 1999). Die Welt der Arbeitslager, wo die einst anvisierte ›Befreiung der [[a:Arbeit]]‹ in Zwangsarbeit verkehrt wurde, stellt eine besonders schmerzhafte Herausforderung an die historische Aufarbeitung der Russischen Revolution dar, zumal ihre Existenz nicht nur durch einen zur Staatsideologie mutierten ML, sondern auch durch marxistische und nichtmarxistische Modernisierungstheoretiker mehr oder weniger aus dem Zwang der Umstände erklärt bzw. legitimiert worden ist. Sind die Arbeitslager der unumgängliche Preis für Revolution unter vergleichbaren Umständen, oder sind Alternativen denkbar? +Die meisten linken Autoren konzentrieren sich auf die Schrecken des ›Großen Terrors‹ der politischen Repressionswelle der Jahre 1937-38, die zur Liquidierung der alten Garde Lenins führte und als Selbstmord der Partei charakterisiert worden ist (Žižek 1999). Die Welt der Arbeitslager, wo die einst anvisierte ›Befreiung der [[a:Arbeit]]‹ in Zwangsarbeit verkehrt wurde, stellt eine besonders schmerzhafte Herausforderung an die historische Aufarbeitung der Russischen Revolution dar, zumal ihre Existenz nicht nur durch einen zur Staatsideologie mutierten <!--[-->[[m:Marxismus-Leninismus|ML]]<!--]-->, sondern auch durch marxistische und nichtmarxistische Modernisierungstheoretiker mehr oder weniger aus dem Zwang der Umstände erklärt bzw. legitimiert worden ist. Sind die Arbeitslager der unumgängliche Preis für Revolution unter vergleichbaren Umständen, oder sind Alternativen denkbar? 
    
  
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