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Geist []

Geist

A: rūḥ, ‛aql. – E: spirit, mind. – F: esprit, génie. – R: duch. – S: espíritu, genio. – C: jing shen

Wolfgang Fritz Haug

HKWM 5, 2001, Spalten 53-91

G‹ ist kein Begriff des Marxismus, sondern Gegenstand seiner Kritik, die teils destruktiv, teils ›übersetzend‹ erfolgt. Wenn es in Goethes West-östlichem Divan heißt: »Was wir Deutsche G nennen, das Vorwaltende des oberen Leitenden« (…), so deutet sich eine besondere Affinität von G und ideologischer Macht an: Die ›Herrschaft des G‹ erscheint unmittelbar als Legitimation ihrer selbst. – Dass ›G‹ Gegenstand marxistischer Kritik ist, folgt nicht nur aus seinem Status eines »regierenden Fundamentalbegriffs « (Marquard 1974) im nachkantianischen Idealismus, sondern auch daraus, dass der G-Diskurs gleichsam den Regierungsanspruch der »deutschen Mandarine« (Ringer 1983) fundiert hat, einer Art ›ideologischer Staatsklasse‹, die im »Klassenkompromiss zwischen ökonomisch herrschendem Bürgertum und politisch (wie auch militärisch und diplomatisch) einflussreichem Agraradel« den autoritären Staat und »die apolitische Rolle der Bürger« rechtfertigte (Habermas 1971). Als diese Staatsintellektuellen sich »durch die Industrialisierung und – seit 1919 – Demokratisierung in ihrer elitären Stellung gemindert« sahen, suchten sie »um so heftiger […] die Herrschaft des G und somit auch die eigene Position […] zu sichern« (Goldschmidt). Sie proklamierten »eine ›Krise der Kultur‹, der ›Bildung‹, der ›Werte‹ oder des ›G‹« (Ringer).

Für das HWPh ist G schlechterdings »die Materie, die zu behandeln als Sache der Philosophie gilt« (Oeing-Hanhoff 1974). Dagegen führen weder das PhWb noch das Kleine Wb. d. ml Phil. der DDR, weder das KWM noch die EE das Stichwort ›G‹. Diese Abwesenheit ist Symptom einer ungeklärten Anwesenheit, einer Kryptogeschichte des G im Marxismus selbst.

Die vom Ende des 18. bis zur Mitte des 20. Jh. bestehende Schlüsselstellung des G-Diskurses v.a. im deutschen Sprachraum baut auf einer hier besonders ausgeprägten Vieldeutigkeit. Rudolf Hildebrandts »meisterliche Monographie« zu ›G‹ (Mauthner, I), herausragend unter seinen »berühmten Artikeln im Grimmschen Wörterbuch« (Habermas 1971) und mit seinen über 100 Spalten einer der längsten Einträge, spiegelt diese Vieldeutigkeit in ihrer tausendjährigen Bewegung. Der Wandel der im Hinüber und Herüber zwischen den Völkern von »der Lautgruppe G […] ausgelösten Vorstellungen« erinnert Mauthner an »die Deutungen, die wir in das wechselnde Bild einer Wolke am Himmel hineinlegen« (…). Das Bild nimmt strukturelle Konturen an, geht man zu den strategischen Eingriffen unter antagonistischen Bedingungen, für die v.a. »der Begriffsvirtuose Hegel das Wort so lange für seine höchsten Begriffsbewegungen zurechtknetete, bis es in der Gemeinsprache des Salons und des Feuilletons esprit ersetzen konnte« (…).

Doch nicht erst Hegel, sondern die Arbeit vieler Generationen konzeptiver Ideologen hat den G-Begriff befähigt, die gesellschaftlichen Sphären, zumal die der Religion und der weltlichen Vernunft, umfassend zu durchdringen. Im Deutschen ist er der beziehungsreichste Begriff der Ideologie. In ihm kreuzen sich die Diskurse der Theologie, Philosophie und Psychologie mit denen des popularen Geisterglaubens und dem spontanen Animismus des Alltagsverstandes. Daneben halten sich physische und vitalistische Bedeutungen. G ist wie virtus in der Sprache der Renaissance die wirkende Essenz, das belebende, organisierende und orientierende Prinzip, das aus relativ selbständigen Teilen ein Ganzes oder Eines macht. G umfasst Bildung und Kompetenz als tätiges Ingenium; in ihm trifft sich der Intellekt mit dem Gespenst, die historische Konfiguration einer Kultur mit den kollektiven Subjektivitäten, der ›Stil‹ mit der ›Mentalität‹, und »heimlich [steckt] der heilige G fast jedes Mal hinter dem Begriffe G« (Mauthner, I). – Wo andere Sprachen ›intellektuell‹ und ›klerikal‹ auseinanderlegen, rückt das Deutsche ›Geistigkeit‹ und ›Geistlichkeit‹ aneinander und stellt dem G zudem die (unübersetzbaren) Ausdrücke ›Ungeist‹ und ›Geistlosigkeit‹ zur Seite.

Der durch sedimentierte Theologie, zumal über die Rezeption von Paulus (…), getönte ›G‹-Begriff ist dem ›Fleisch‹ (den Trieben) entgegengesetzt, dem Äußeren als das Innere, dem Toten als das Belebende, und in seiner hegelschen Steigerung verspricht er die Aufhebung dieser Gegensätze.

Die Ideologie der deutschen Staatsintellektuellen hat von der Polysemie von ›G‹ ausgiebig Gebrauch gemacht. Umgekehrt beginnt jede emanzipatorische Ideologiekritik damit, solche ›Heiligen Allianzen‹ der Sprache auseinanderzunehmen. Die bloße Feststellung, ›G‹ habe eine »schillernde, schwer festzuhaltende Bedeutung« (Moiso 1999), scheint davor zurückzuscheuen, die Ideologen bei der Konstruktion zu beobachten und zu analysieren, was warum und wie im ›G‹ verdichtet wurde. Der Liberale Mauthner, der bei aller Sprachkritik diese Blindheit teilt, verspricht, »den G von der Philosophie und die Philosophie vom G zu befreien« (…). Die Marxisten und kritischen Theoretiker sind in dieser Frage gespalten: Während Walter Benjamin den G-Diskurs im Revolutionarismus der 1930er Jahre sprengt, Brecht ihn im Tui-Komplex und Volker Braun ihn in der Beamtenprüfung in Großer Friede persiflieren, suchen etwa Lukács, Bloch, Gramsci und Marcuse, ihn progressiv zu reformulieren. Hierzu gilt es, die zwischen- wie innersprachlichen ›Übersetzungsverhältnisse‹ zu reflektieren, in denen ein geschichtlicher Block sich legitimiert und eine Geschichte gibt. Die historisch-kritische Behandlung muss folglich zuerst Kritik der ›Geistesgeschichte des G‹ sein.

abstrakt/konkret, allgemeine Arbeit, Alltagsverstand, Analyse/Synthese, Arbeitsteilung, Bewußtsein, Bildung, Denken, Denkform, Dialektik, Elite, Geistesgeschichte, Geisteskrankheit, Geisteswissenschaften, geistige und körperliche Arbeit, Gott, Grundfrage der Philosophie, Hegel-Kritik, Herrschaft, Idealismus/Materialismus, Ideologe, Ideologiekritik, Intellektuelle, Lorianismus, Metaphysik, passive Revolution, Tui-Kritik, Vernunft, Volksgeist

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