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Leitung

A: 'idāra. – E: direction. – F: direction. - R: rukovodstvo. – S: dirección. – C: lingdao 领导

Nadine Müller (I.), Wolfram Adolphi (II.)

HKWM 8/I, 2012, Spalten 943-966

I. »Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größrem Maßstab«, notiert Marx im Kapital, »bedarf mehr oder minder einer Direktion« – an anderer Stelle auch: »L« –, »welche die Harmonie der individuellen Tätigkeiten vermittelt und die allgemeinen Funktionen vollzieht, die aus der Bewegung des produktiven Gesamtkörpers im Unterschied von der Bewegung seiner selbständigen Organe entspringen.« Während »ein einzelner Violinspieler […] sich selbst« dirigiere, bedürfe »ein Orchester […] des Musikdirektors« (K I). – Wie im Zuge der Arbeitsteilung L durch »eine von direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse« übernommen wird und diese dann als »herrschende Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, […] die gesellschaftliche L umzuwandeln in Ausbeutung der Massen« (Engels, AD); wie in den USA Anfang des 20. Jh. angesichts der »Erfordernisse der neuen Arbeitsmethode« – des Taylorismus im Fordismus – L Einfluss auf die Lebensweise der Arbeitenden nimmt und mit einer »kollektiven Anstrengung« einhergeht, »mit unerhörter Geschwindigkeit und […] Zielbewusstheit einen neuen Arbeiter- und Menschentypus zu schaffen« (Gramsci, Gef, H. 4, §52) – das sind Fragen, die L als zentral für marxistische Gesellschaftsanalyse ausweisen. Zu Beginn des 21. Jh. stellt sich das Problem, wie die »kapitalistische L«, die »der Form nach despotisch« (…) geblieben ist, die Computerisierung und ihre nach demokratischer Selbstorganisation der Arbeitenden verlangenden Anforderungen bewältigt. Sind die kapitalistischen Instrumente der L als Gewährleistung und Koordination eines möglichst effizienten Produktionsprozesses – etwa der Betreuung, Beaufsichtigung, Planung, Abstimmung und Verwaltung – den neuen Entwicklungen gewachsen? Oder büßt dort, wo die Arbeitenden notwendig an Autonomie gewinnen, die Trennung von L und Ausführung ihre produktivitätssteigernde Wirkung ein? Wie viel Realitätsgehalt bekommt angesichts der Computerisierung die Überlegung von Engels, wonach »ihre« – der Bourgeoisie – »eignen Produktivkräfte […] ihrer L entwachsen und […] die ganze bürgerliche Gesellschaft dem Untergang oder der Umwälzung entgegen[treiben]« (…)?

Unberücksichtigt bleibt hierbei L im Sinne der Führung politischer Gruppen, wie sie Marx z.B. im Zusammenhang mit der Organisation der Internationalen Arbeiterassoziation (I. Internationale) in Bezug auf die »L der Pariser Sektion« (1865) oder gemeinsam mit Engels in der Abwehr des Versuchs der von Michail Bakunin u. a. geführten »Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie«, »sich der L der romanischen Schweiz zu bemächtigen« (1872), und in der Zurückweisung der ebenfalls von der »Allianz« genährten Idee einer »geheimen L der Arbeiterbewegung« (1875) thematisiert hat. Auch Engels’ Anmerkung, wonach »die Junker unter Bismarcks L« mit ihren Plünderungen im deutsch-französischen Krieg 1871/72 den »spezifisch preußischen Charakter des Kriegs bewahrt« hätten (1887/88), wird hier nur der Illustration des vielfältigen Gebrauchs des Terms L wegen angeführt.

Absterben des Staates, Arbeiterkontrolle, Arbeiterselbstverwaltung, Arbeitsteilung, Automation, Despotie des Kapitals, Fabrikräte/Arbeiterräte, Fordismus, Führung, geistige und körperliche Arbeit, Geschlechterverhältnisse, Herrschaft, Hierarchie/Antihierarchie, Kontrolle, Kooperation, Kopf und Hand, Krise, Krise des Fordismus, Management/Co-Management, Taylorismus


II. Die Geschichte des Sozialismus als Gesellschaftsordnung im 20. Jh. ist wesentlich die des Ringens um Form und Inhalt der L. An ihrem vorläufigen Ende in Europa steht 1989/90 das Scheitern des sowjetischen ›Modells‹ des befehlsadministrativen Sozialismus – auch: Staatssozialismus, ›Realsozialismus‹ –, aber auch das der je unterschiedlichen Versuche einer alternativen Gestaltung der L: in Jugoslawien, Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR. Weitgehend unerprobt blieben die in der SU selbst entwickelten Reformvorschläge. Im Zentrum der Auseinandersetzungen stand immer die Frage, wie tatsächlich zu bewerkstelligen ist, dass – wie Engels 1878 prognostiziert hatte – »die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder andern L außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften« (AD). Denn es musste unter der Bedingung geschehen, dass die Revolution nur in einem Teil der Welt gesiegt hatte; jede neue Art von L also in direkter Konkurrenz mit der alten, kapitalistischen stand. »Nur als die Tat der herrschenden Völker ›auf einmal‹ und gleichzeitig« sei »der Kommunismus […] möglich«, hatten Marx und Engels 1845/46 in der DI postuliert (…). Die russische Oktoberrevolution von 1917 war jedoch isoliert geblieben, und die Umwälzung der Eigentumsverhältnisse hatte ihre Ursache nicht darin gehabt, dass die Produktivkräfte in Russland bereits allgemein der kapitalistischen L entwachsen gewesen wären, sondern darin, dass sich die russische Bourgeoisie in engem Zusammenhang mit der Zivilisationskrise, wie sie der Erste Weltkrieg darstellte, als unfähig erwies, die L wahrzunehmen. Und auch die Verbreitung des sowjetischen L-›Modells‹ in Osteuropa nach 1945 gründete nicht im Erreichen einer Grenze in der Entwicklung der Produktivkräfte, sondern erneut in Zivilisationskrise und Krieg. Das Unabgegoltene der Reformversuche im Sozialismus des 20. Jh. bleibt von Bedeutung, und der ›Sozialismus chinesischer Prägung‹ hält auch in der L-Frage neue, widerspruchsvolle Praxis bereit.

Arbeiterselbstverwaltung, befehlsadministratives System, Befehlswirtschaft, Führung, Herrschaft, Industrialisierung, jugoslawischer Sozialismus, Klassenkampf, Kommandohöhen, Kontrolle, Kriegskommunismus, Macht, Markt, Neue Ökonomische Politik, Oben/Unten, Ökonomie der Zeit, Oktoberrevolution, Plan, Prager Frühling, Produktionsplanung, Produktivkräfte/Produktionsverhältnisse, Produktivität, Realer Sozialismus, Revolution, Russische Revolution, Selbstverwaltung, Solidarność, Sozialismus, Sozialismus in einem Land, Staat, Staatstätigkeit, Stalinismus, Taylorismus, Technikentwicklung/technische Revolution(en), Titoismus, Übergang, Verantwortung, Verstaatlichung, Zwang

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