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Faustus-Debatte []

Faustus-Debatte

A: ǧadal ḥaul Faust. – E: Faustus debate. – F: débat sur le Faustus. – R: debaty o Faustus. – S: debate sobre el Faustus. – C: fusitusi zhenglun

Werner Mittenzwei

HKWM 4, 1999, Spalten 220-237

Im Frühjahr 1953 – zwischen Stalins Tod und dem Aufstand vom 17. Juni – fand an der Akademie der Künste der DDR eine halböffentliche Debatte über Hanns Eislers als Buch erschienenes Libretto der von ihm geplanten Oper Johann Faustus (1952) statt – im geladenen Kreis von Akademiemitgliedern, Vertretern des ZK der SED und Gästen. Sie weitete sich zu einer Strategiedebatte aus, in der es zur Konfrontation zwischen Vertretern einer marxistischen Denkkultur, wie sie sich in der Zeit der Weimarer Republik und den Jahren des Exils herausgebildet hatte, und Verfechtern einer sich etablierenden ›nationalen‹ Kulturpolitik der DDR kam. Der im Vergleich zu Goethe kritische Umgang Eislers mit der Faustgestalt hatte den Argwohn der Parteiführung auf sich gezogen. Entsprechend war die Debatte flankiert von Angriffen im ND: seitens der Parteiführung bestellte Artikel lehnten das Werk geradezu feindselig ab und machten dem Autor den zu der Zeit existenzbedrohenden Vorwurf des »heimatlosen Kosmopolitismus«.

Hinter der Kampagne verbarg sich die von Gramsci aufgeworfene Frage nach der Stellung der Intellektuellen in der widersprüchlichen Beziehung zwischen ›Volk‹, Arbeiterklasse und herrschender Macht. Diese allgemeine Problematik war überdeterminiert durch die Konstellation des geschichtlichen Moments: Stalin hatte in einer Note vom März 1952 die Wiedervereinigung Deutschlands mit Verzicht auf eine sozialistische Entwicklung unter der Bedingung einer Neutralität Gesamtdeutschlands angeboten. Damit war die Frage der ›Erbeaneignung< dieser Perspektive untergeordnet: die Beschwörung klassischer deutscher Nationalkultur sollte eine Brücke zwischen den beiden in ihren Gesellschaftsordnungen antagonistischen deutschen Staaten schlagen.

In dieser Situation wurde der durch Eislers Werk bewirkte Vergleich zweier Faust-Figuren zum Politikum: Das von der SED beschworene Bündnis mit der bürgerlichen Intelligenz im eigenen Land wie in der BRD beruhte u.a. auf dem für das Bildungsbürgertum schmeichlerischen Ideologem, in der DDR habe das werktätige Volk zusammen mit allen Klassen und Schichten das wahre Erbe der deutschen Klassik angetreten und sei dabei, deren Humanitätsideal zu verwirklichen. Mit der Bewertung seines Textes als Angriff auf Goethe wurde Eisler seitens der SED ein Angriff auf die herrschende Politik unterstellt.

Die Meinungen wurden im strengen Maßstab einer ästhetischen Debatte vorgetragen, obwohl es um politische Richtungskämpfe ging. Selbst damals so viel diskutierte Fragen wie die des sozialistischen Realismus und danach, ob in diesem Werk nicht Einflüsse des Formalismus zu entdecken seien, blieben ausgespart. Man wollte eine Debatte um Grundprobleme der nationalen Kultur. Da das stets mitschwingende Politische weitgehend unausgesprochen blieb, bewegte sich die Diskussion gelegentlich im »luftleeren Raum«, wie Arnold Zweig empfand […].

Die marxistische Denkkultur, die Eisler und Brecht vertraten, geriet unvermittelt in eine Konfrontation zur Kulturpolitik des neuen Staates, die gleichfalls von marxistischen Kräften bestimmt wurde. Aber dieser Konflikt konnte nicht offen artikuliert werden. So geriet die Debatte zur »katalaunischen Geisterschlacht« (Brecht), in der einige der Beteiligten, die die Strapazen des Exils oder die KZ-Qualen hinter sich hatten, mit rätselhafter Leidenschaft Goethes Faust zum uneingeschränkten Richtungspunkt erhoben. Die literarisch-ästhetische Verkleidung wurde nur bei großer Zuspitzung der Probleme, wenn es um die Einheit Deutschlands ging, abgestreift. Brecht, Wortführer der Eisler-Verteidiger, war sich bewusst, dass hier die marxistische Denkkultur gegenüber einer zeitbedingten politischen Bündnisstrategie verteidigt werden musste. Doch begriff er auch, dass die politische Linie seiner Polemikpartner von Leuten erdacht war, die, auch wenn die SU sie stützte, in ihrem Land isoliert waren, die nicht allein bleiben wollten und durften. Die Gesamtpolitik unterstützend, wollte er zugleich auf kulturellem Gebiet Akzente setzen, die ihm produktiver erschienen. Für die literarische Öffentlichkeit gab es damals kaum die Möglichkeit, die literarisch-ästhetische Verkleidung zu durchschauen. Eisler fand wenig Resonanz, das literarisch interessierte Publikum blieb weitgehend der Autorität Goethes und der klassischen Literatur verpflichtet.

Das Ergebnis der FD stand möglicherweise nicht von vornherein fest, aber es zeichnete sich mit ihrem Abbruch in der ersten Junihälfte ab: »Der Text wurde totdiskutiert« (Bunge 1983). Eisler verfiel in eine tiefe Depression und »Produktionskrise«, wie Brecht notierte (AJ, 1953). Er ging für kurze Zeit nach Wien. Doch weder in Österreich noch in der BRD sah er eine Perspektive für sich und sein Werk. In Wien sagte er zu Brecht, dass ihm »durch Schikanen jeder Impuls zum Komponieren abhanden gekommen war« (…). Sollte er jetzt in das Land wechseln, vor dessen restaurativer Entwicklung er mit seinem Text gewarnt hatte? Obwohl die Enttäuschung blieb, schrieb er einen Brief an das ZK der SED: »Wahrscheinlich gehört es zum Wesen des künstlerischen Menschen, mit großer Empfindlichkeit auf äußere Umstände zu reagieren: Ihr mögt es für Schwäche halten, aber ich brauche eine Atmosphäre des Wohlwollens, des Vertrauens und der freundlichen Kritik, um künstlerisch arbeitsfähig zu sein. Selbstverständlich ist Kritik notwendig, um die Kunst an den gesellschaftlichen Forderungen zu prüfen, aber nicht Kritik, die jeden Enthusiasmus bricht, das Ansehen des Künstlers herabsetzt und sein menschliches Selbstbewusstsein untergräbt. Nach der Faustus-Attacke merkte ich, dass mir jeder Impuls, Musik zu schreiben, abhanden gekommen war. So kam ich in einen Zustand tiefster Depression, wie ich sie kaum jemals erfahren habe. Ich habe nun aber keine Hoffnung, den für mich lebenswichtigen Impuls, Musik zu schreiben, anderswo wieder zu finden, als in der Deutschen Demokratischen Republik. […] Ich kann mir meinem Platz als Künstler nur in dem Teil Deutschlands vorstellen, wo die Grundlagen des Sozialismus neu aufgebaut werden.« (Debatte)

Der Leiter des Aufbau-Verlags, Max Schröder, übte ›Selbstkritik‹, das Buch wurde eingestampft, das Libretto verschwand für drei Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit der DDR, wo es erst 1987 (in der Regie von Manfred Wekwerth) inszeniert werden konnte, nachdem es 1974 in Tübingen uraufgeführt worden war.

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f/faustus-debatte.txt · Zuletzt geändert: 2016/02/19 20:16 von christian     Nach oben
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