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Aufklärung []

Aufklärung

A: tanwīr. – E: enlightenment. – F: les Lumières. – R: prosveščenie. – S: la era de las luces, ilustración. – C: qimeng zhexue, qimeng yundong

Wolfgang Fritz Haug

HKWM 1, 1994, Spalten 719-730

Obwohl für die A »seit mehr als einem Jahrhundert eine umfassende Deutungstradition entwickelt wurde«, stellen Werner Krauss und Hans Mayer 1955 fest, »daß der Zeitraum dieser Bewegung bis heute überhaupt noch nicht feststeht« (…). Doch kann es historische Materialisten nicht erstaunen, daß ›geistesgeschichtliche‹ Epochenbegriffe ein unsicheres Fundament in der Sache selbst, dem vielschichtigen und antagonistischen Geschichtsprozeß haben. Das Selbstverständnis der sich von den vorbürgerlichen Autoritäten ins Bürgerliche emanzipierenden Intellektuellen zumal Frankreichs identifizierte das 18. Jh. als das »siècle des lumières« oder »siècle philosophique«, so daß »der Begriff des 18. Jh. mit der Aufklärungsepoche weitgehend verschmolzen« erscheint (Krauss 1963). Marxistische Literaturgeschichte wird daran nicht vorbeigehen können; sie faßt A als Epochennamen unter besonderer Berücksichtigung des vorherrschenden Selbstverständnisses jener Zeit (vgl. Krauss 1963 u. 1973, Schröder 1974). – In einem umfassenderen theoretischen Sinn aber ist A der Begriff für ein in die Geschichte von Herrschaft und Befreiung unwegdenkbar eingeschriebenes Emanzipationsprojekt, theoretisch als Kritik, die »schlechterdings alle Gebiete« erfaßt und wegdrängt vom metaphysischen System zur Erfahrung (Schalk 1971). Sinn und historischen Ort dieses Projekts zu bestimmen, ist nicht möglich ohne Kritik der »bürgerlichen Emanzipationsideologie und -literatur«, als welche Schröder die A bestimmt (EE 1).

»A ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«, definiert Kant 1784 (Was ist Aufklärung?). Aber »der Mensch« und »seine selbstverschuldete Unmündigkeit« sind noch ganz unhistorische Kategorien, und der »Ausgang« wurde nicht gefunden. Auch wendet Kant A ins Transzendentale, wenn er angesichts der ›Gefahr‹, daß die Metaphysik trotz der unabweisbaren Fragen, die sie (falsch) bearbeitet hat, insgesamt verfällt, hofft, daß »viele verdiente Männer jede gute Veranlassung benutzen sollten, zu dem gemeinschaftlichen Interesse der sich immer mehr aufklärenden Vernunft mitzuarbeiten« (Prolegomena). Damit ist eine Rationalisierung des Glaubens verbunden: »Die wirklichen, den Sinnen vorliegenden Welterscheinungen (mit Swedenborg) für bloßes Symbol einer im Rückhalt verborgenen intelligibelen Welt ausgeben, ist Schwärmerei. Aber in den Darstellungen der zur Moralität, welche das Wesen aller Religion ausmacht, […] das Symbolische im Intellektuellen (Gottesdienst von Religion), die zwar einige Zeit hindurch nützliche und nötige Hülle von der Sache selbst zu unterscheiden, ist Aufklärung: weil sonst ein Ideal […] gegen ein Idol vertauscht […] wird« (Anthrop). Zugleich bestand Kant auf »Publizität«, von deren (tagespolitisch immer wieder aktuellem) Verbot er sagte, daß es »den Fortschritt eines Volkes zum Besseren« verhindere (Streit der Fakultäten). – Imaginär erscheint gleichwohl die Einschätzung, die Krauss und Mayer 1955 gegeben haben und mit der Schröder 1990 seinen Artikel »A« beginnt: »Mit der geschichtlichen Selbstbestimmung hat sich die A das unterscheidende Wesensmerkmal gegeben, an dem gemessen alle vorher erlebte Geschichte zur bloßen Vorgeschichte absinkt.« (…) Die Formulierung ist von Marx entlehnt, der sie aber auf einen prospektiven Übergang zu einer klassenlosen, sich selbst verwaltenden Weltgesellschaft gemünzt hat.

Marx und Engels interessieren sich für A nicht so sehr als geistesgeschichtliche Epoche, sondern als schubweise in der Geschichte sich artikulierende geistige Aufbruchsbewegung aus Formen irrationaler, sich nicht durch den öffentlichen Diskurs vermittelnder Herrschaft. A ist für sie das zumal auf dem Boden bürgerlicher Vergesellschaftung und deren antiken Vorformen sich ausbildende politisch-ethische Projekt, Natur und Vernunft als einzige Autoritäten anzuerkennen und gegen alle Formen des Aberglaubens und Vorurteils zu streiten. In der Französischen Revolution sehen sie dieses Projekt kulminieren und zugleich seinen partiell imaginären Charakter preisgeben. Zu fragen ist in diesem Sinn nach dem Verhältnis der A zu ihrer geschichtlichen Basis, nach den Herrschaftsformen, gegen die sie sich richtet, sowie nach dem ›harten Kern‹ an Institutionen und Praktiken, der die Probe auf die geschichtliche Verwirklichung ertragen hat.

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