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Ende der Geschichte []

Ende der Geschichte

A: nihāyat at-tārīḫ. – E: end of history. – F: fin de l’histoire. – R: konec istorii. – S: fin de la historia. – C: lishi de zhongjie

Gabriel Vargas Lozano (KG)

HKWM 3, 1997, Spalten 330-346

Die Begriffe »Ende« und »Geschichte« stehen in einem Spannungsverhältnis. »Ende« führt auf das griechische τέλος und das lateinische finis, die beide eine lange philosophische Tradition von Aristoteles über Hegel bis zu den Gegenwartsphilosophen haben und »Vollendung, Erfüllung« oder auch »Grenze«, »Schranke« oder »Ziel« bedeuten. »Ende« ist das Ergebnis eines Prozesses, seine Vollendung, aber auch seine Grenze, sein Horizont. »Ende« steht ferner für »Zweck, Absicht, Intention«. So unterscheidet Aristoteles in seiner Ursachenlehre in der Metaphysik die Wirk- von der Zweckursache und spricht in der Nikomachischen Ethik vom τέλος als dem Vorsatz oder der Intention. – Der Begriff der Geschichte hat im Laufe der Zeit zahlreiche Bedeutungen angenommen, u.a. als Naturgeschichte, menschliche Geschichte, Wissenschafts- oder Kulturgeschichte, Philosophie- und Politikgeschichte. Hegel unterscheidet in PhilGesch zwischen einer pragmatischen Geschichte, die sich auf die empirisch festgestellten Begebenheiten bezieht, und der philosophischen Geschichte oder Geschichtsphilosophie, die die in diesen Begebenheiten herrschende Vernunft aufdeckt. »Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung.« (…) – Marx und Engels begründen in DI den Unterschied zwischen der realen Geschichte, die von den Menschen objektiv gemacht wird (ob mit oder ohne Bewusstsein davon), und der wissenschaftlichen Erklärung der Geschichte. Dabei hat »wissenschaftlich« eine spezielle Bedeutung, insofern der Begriff, wie Manuel Sacristán gezeigt hat, eine kritische Überwindung dessen impliziert, was man im 19. Jh. und in angelsächsischer Tradition unter »science« verstand, sowie der junghegelianischen Kritik- und der hegelschen Wissenschaftsauffassung. In Abhängigkeit von der philosophischen Interpretation von Geschichte kann das EdG verstanden werden als der Sinn, den die a posteriori erklärte Geschichte annimmt (wie bei Hegel); als eine Voraussicht in die Zukunft (wie in den klassischen Geschichtsphilosophien oder den Eschatologien der jüdisch-christlichen Tradition); und als das Ende oder Ablaufen einer historischen Etappe oder Periode. Einem weiteren Sinn von Philosophiegeschichte verleiht Walter Benjamin Ausdruck in seinen Thesen Über den Begriff der Geschichte. Paul Klees Angelus Novus interpretiert er als den Engel der Geschichte, der sein Antlitz rückwärts wendet und bestürzt auf die sich ständig weiter aufhäufenden Trümmer in der Vergangenheit blickt, aus deren Ferne vom Paradies her ein Sturm weht. »Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.« (…) Hier geht es darum, durch eine Wiederaneignung der historischen Erinnerung, die vom gegenwärtigen Augenblick und von einer Vision, die den Unterdrückten gerecht wird, ihren Ausgang nimmt, zu einem neuen Begriff der Geschichte zu gelangen.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. taucht die Rede vom »Ende« in verschiedenen Zusammenhängen auf: als »Ende der Ideologien« (Bell 1960), um den Beginn einer neuen Ära der Technologien zu bezeichnen, in der die Ideologien, wie man annahm, verschwinden würden – während in Wirklichkeit eine neue Ideologie formuliert wurde; die »technokratische« oder die Ideologie der »instrumentellen Vernunft« (Horkheimer/Adorno 1947); weiter als »EdG«, als »Ende des Marxismus«, als »Ende der Philosophie«, schließlich als »Ende des Menschen« bzw. als Rede vom »letzten Menschen«. Wie Jacques Derrida bemerkt, waren diese eschatologischen Themen »in den fünfziger Jahren […] unser tägliches Brot« (1995), und Hegel, Marx, Nietzsche und Heidegger waren ihre Klassiker.

In einem viel dramatischeren Sinn von »Ende« taucht mit dem Kalten Krieg und dem Wettrüsten zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Block das Gespenst vom »Ende der Welt« aus dem System des Exterminismus auf, d.h. die »reale Möglichkeit« der Selbstzerstörung der menschlichen Spezies in einem Nuklearkrieg, auf die beispielsweise Jean Paul Sartre, Bertrand Russell, Hans Magnus Enzensberger und v.a. Edward P. Thompson eindringlich hingewiesen haben. In den 1970er und 80er Jahren stellt sich die Problematik eines »Endes« als »Ende der Moderne« dar; die Gegenwart wird als »Postmoderne« charakterisiert. Mit den Theorien vom Ende der Moderne wird ein Zivilisationstyp für abgeschlossen erklärt, der im 16. Jh. aufgekommen war, im Zeitalter der Aufklärung neue Kraft gewann und nun in die Agonie des 20. Jh. mündet, in der sich die Krise seiner kapitalistischen Erscheinungsform zeigt. In den 90er Jahren spricht man vom »Ende der Utopien« und vom »EdG«. Diese Deutungen stellen die ideologische Überhöhung einer realen Tatsache dar, nämlich des Endes der im sowjetischen Modell (1917-1989) verkörperten historischen Erfahrung.

Die Reflexionen und Auseinandersetzungen über das Ende der Moderne und das EdG haben Auswirkungen auf die gegenwärtige Geschichtsschreibung, in welcher der Begriff der »Posthistoire« geprägt worden ist. Die gesamte einschlägige Debatte kreist um das marxistische Denken als ihren Hauptgegner oder -gesprächspartner, der dabei bereits verschiedentlich zu Grabe getragen worden ist. Doch viele der angekündigten Tode (sei es der Moderne, der Geschichte oder des Marxismus) beruhen auf einseitigen oder einfach falschen Deutungen verschiedener Krisen, deren Untersuchung von einem kritischen, offenen und erneuerten marxistischen Standpunkt aus zu neuen theoretisch-praktischen Perspektiven führen und so ein Licht auf das 21. Jh. werfen kann.

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